Interview mit Dominik

"Ich helfe als Flüchtlingshelfer Mädchen aus Syrien und dem Irak, hier ein neues Zuhause zu finden."

Dominik, 43 Jahre, Schulseelsorger und Pfadfinderkurat

Da ich davon ausgehe, dass alle Menschen aufgrund ihres Menschseins in sich „gut“ sind, antworte ich mal kess: „Na klar! Wie jeder Mensch bin ich ein guter Mensch.“ Das ist ja Kern unseres christlichen Menschenbildes. Ob ich mich anderen, mir selbst und Gott gegenüber immer gut verhalte, das steht auf einem anderen Blatt.

Im Grunde bedeutet dies, selbst immer tiefer zu verstehen, was „Mensch-Sein“ bedeutet, Ebenbild Gottes zu sein; als dieses Ebenbild von ihm, dem Urgrund aller Liebe, unbedingt geliebt und absolut gewollt zu sein, ohne etwas dafür leisten zu müssen – mit all den Seiten, die an mir nicht so perfekt sind; und zu begreifen, dass mir diese Zusage nicht alleine gilt, sondern, wie schon gesagt, allen Menschen: eben weil wir Menschen sind, Gottes Geschöpfe.

Daraus erwächst für mich als Christ der innere Anspruch, allen mit demselben Grundrespekt und derselben Wertschätzung zu begegnen, die mir von Gott her zuteilwird: eine echte Herausforderung; und nicht immer gelingt mir das, denn nicht alle Menschen sind mich gleich sympathisch. Das aber immer wieder neu zu versuchen, und anderen Menschen zu versichern, dass sie von Gott unbedingt angenommen sind, das gehört für mich dazu, „gut Mensch“ zu sein.

Das dürfte bereits aus den vorangehenden Fragen deutlich geworden sein. Ohne den Glauben an einen bedingungslos liebenden Gott und ohne die gläubige Gewissheit, dass dieser Gott mich bedingungslos liebt – ohne Wenn und Aber – würde der Wert meines Menschseins sich womöglich allein aus Leistung und gesellschaftlichem Ansehen speisen. Davor bin ich als gläubiger Christ natürlich genauso wenig gefeit wie jede und jeder andere. Wenn der Applaus aber mal ausbleibt und ich unzufrieden mit mir bin, weil ich hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben bin und nicht volle Leistung bringen konnte, dann sagt mir dieser Gott auf den Kopf zu: „Dominik, Du bist in meinen Augen trotzdem teuer und wertvoll.“ Dieses „Trotzdem“ gibt mir Kraft, geduldig zu sein: mit meinen Mitmenschen, mehr noch aber mit mir selbst und meinen Ansprüchen an mich.

Wenn es mir gelingt, anderen zu einem vertieften, glückenden und befreiten Menschsein zu verhelfen, wie ich es eben versucht habe zu erklären, dann, denke ich, schon.

Mir fällt spontan unsere internationale Vorbereitungsklasse an der Liebfrauenschule in Bonn ein, die wir vor einem Jahr als erste erzbischöfliche Schule gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Achtzehn Mädchen und junge Frauen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren überwiegend aus Syrien und dem Irak haben in dieser eine neue schulische Bleibe und damit Aussicht auf eine fundierte Schulausbildung gefunden.

Es gab vor gut einem Jahr noch kein Gesamtkonzept und lediglich erste Erfahrungen an staatlichen Schulen. Die einhellige Meinung unter unseren Schülerinnen, Eltern, Kolleginnen und Kollegen aber war: „Da können wir als kirchliche Schule nicht einfach die Hände in den Schoß legen – da müssen wir was machen!“ Zusammen mit meiner evangelischen Pfarrerskollegin und einer engagierten Lehrerin für Deutsch und Philosophie warben wir für die Einrichtung einer internationalen Vorbereitungsklasse und fanden bei Schulleitung, Schülerinnen- und Elternschaft sowie im Kollegium recht bald rege Zustimmung. Unter dem zisterziensischen Motto: „Porta patet, cor magis“ – „Die Türe ist offen, das Herz umso mehr“ entwickelten wir ein pädagogisches Konzept, das – bis heute stetig fortgeschrieben – im Wesentlichen auf drei Grundsäulen basiert: Deutschunterricht in einer altersübergreifenden Vorbereitungsklasse, Besuch des Regelunterrichts je nach individuellem Lernstand, Projekte am Nachmittag je nach Neigungen und Interessen. Als vierte Säule können wir seit einigen Wochen sogar muttersprachlichen Unterricht in Arabisch und Kurdisch anbieten.

Was mich immer noch total begeistert, ist die hohe Hilfsbereitschaft bei allen Beteiligten, besonders aber die Kreativität und ruhige, unkonventionelle Art, wie mit der aufploppenden Fragestellungen begegnet wird. Wie selbstverständlich nahmen unsere Schülerinnen die ankommenden Mädchen liebevoll auf, staffierten sie mit den notwendigsten Dingen aus, die Frau so braucht, gingen mit ihnen shoppen und begleiten sie bis heute mittels eines Patensystems durch den schulischen Alltag. SV und KollegInnen bieten ehrenamtlich sechswöchige Projekte an, in denen gemeinsam die Stadt erkundet, die Gremienarbeit der Schule kennengelernt, getanzt, gebacken und gekocht wird. Auf diesem Wege ist etwa ein internationales Kochbuch entstanden. Schülerinnen erteilen Gitarrenunterricht und geben Nachhilfe. In der Elternschaft fand sich eine Dozentin der Uni Bonn, die mit ihren Studierenden den Deutschunterricht als Zweitsprache sicherstellt und das Kollegium entsprechend schulte. Die Schulleitung erreichte die zügige Genehmigung der internationalen Vorbereitungsklasse beim Schulträger. Und als Schirmherrin konnten wir die ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, Frau Prof. Ursula Lehr, gewinnen, die unser Engagement gerne persönlich unterstützt.

Binnen kürzester Zeit konnten wir mit vereinten Kräften ein Projekt auf die Beine stellen, das es so an unserer Schule in den fast hundert Jahren ihres Bestehens noch nicht gegeben hatte. Und das Tolle: Nicht nur die geflohenen Mädchen können davon profitieren, sondern auch wir. Beispielsweise wissen wir jetzt, was Jesiden sind, und dass sie in der Zeit vor Weihnachten fasten und keine blaue Kleidung tragen, weil die Farbe Blau den Priestern vorbehalten ist. Will sagen: Unser kulturelles Wissen hat immens zugenommen, und unsere interkulturelle Kompetenz steigt von Tag zu Tag. Aber auch von der Vernetzung mit den unterschiedlichen kirchlichen und staatlichen Einrichtungen in Bonn profitieren wir sehr.

Besonders stolz sind wir darauf, wie viele mit angepackt haben, und dass so etwas Großartiges überhaupt entstehen konnte. In einem afrikanischen Sprichwort heißt es ja: „Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“ Bei uns waren es viele kleine und große Menschen an nur einem Ort, die viele kleine Dinge getan haben und so das Gesicht nicht nur unserer Schule, sondern auch das von Bonn und von Kirche verändern konnten.

Eine gewaltige, wie ich schon sagte. Denn ohne die gesamte Schulgemeinde mit im Boot zu haben, hätten wir das Projekt niemals stemmen können. Und damit meine ich nicht nur, dass anfallende Arbeiten auf möglichst viele Schultern verteilt und „erledigt“ wurden, sondern dass alle Seiten – Schülerinnen, Eltern und Lehrer, vertreten durch die Schulkonferenz – in die grundsätzliche Entscheidung mit eingebunden waren. So konnten wir an unserer Schule einmal mehr leben, was bei den Pfadfinderinnen und Pfadfindern der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG), für die ich im Erzbistum Köln als Diözesankurat ebenfalls zuständig bin, oberste Prinzipien unserer pfadfinderischen Pädagogik sind: Meinungsfreiheit, Mitbestimmung und Gleichberechtigung. Denn wenn Kinder und Jugendliche bereits in Schule die Möglichkeit erhalten, offen ihre Meinung zu sagen, ohne ausgelacht und von den Erwachsenen klein geredet zu werden; und wenn junge Leute aufgefordert sind, ihre Ideen und Themen einzubringen und von ihrem Stimm- und Wahlrecht aktiv Gebrauch zu machen, dann können wir einen wesentlichen Beitrag zu einem funktionierenden demokratischen und solidarischen Gesellschaftssystem leisten. Wo immer uns das an der Schule gelingt, denke ich in Anlehnung an einen Werbeslogan manchmal: „Das Gute daran sind eben die Guten darin.“

Ja, als die Mädchen der internationalen Vorbereitungsklasse am letzten Schultag vor den Sommerferien – wie hatten gerade erst gemeinsam Gottesdienst auf dem Schulhof gefeiert, und die Schulleiterin ehrte herausragende sportliche, naturwissenschaftliche sowie künstlerische Leistungen im Laufe des Schuljahres – spontan auf die Bühne traten, sich in einer kleinen Rede auf Deutsch (!) für die freundliche Aufnahme und Unterstützung bedankten und einen kleinen Tanz aufführten. Ihr Mut wurde zurecht mit einem tosenden Applaus der gesamten Schulgemeinde belohnt.

Ich denke, wenn mich ein Mensch in meinem Menschsein nicht ernst nimmt, mich bloßstellt, mich niedermacht, respektlos behandelt und mir die Würde nimmt, dann fällt es mir schwer, nicht ins selbe Horn zu pusten. Dann wird auch für mich der Spruch, den mich meine Mutter als Kind in die Poesiealben meiner MitschülerInnen schreiben ließ, zur echten Herausforderung: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ So richtig Goethes Spruch immer noch ist: Er will jeden Tag aufs Neue ins konkrete Tun „übersetzt“ werden.

Sie mögen mal eine Woche lang unsere Schule besuchen kommen und sich danach ein qualifiziertes Urteil erlauben.

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